Überlegungen zu meinen zehn bevorzugten Wörtern


»Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: »Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, der Sommer, das Meer.«
Albert Camus im Sommer 1951

Dieses Zitat, welches der Biografie von Iris Radisch über den Schriftsteller und Philosophen Albert Camus als Motto voransteht, hat mich zu Gedanken über meine zehn favorisierten Wörter inspiriert.

Dazu gehören: der Atem, der Mensch, die Tiere, die Stille, die Sprache, die Verstörung, der Transit, die Enttäuschung, die Liebe, und das arabische Verb حرَّر (harrara: schreiben, befreien, entzaubern).


Der Atem

Bestimmt kennst du diese Vexierbilder, wo je nachdem, ob wir die Objekte oder den Leerraum dazwischen fokussieren, ein anderes Bild entsteht. Gewöhnlich laufen wir durch die Welt und betrachten die Dinge, selten die Zwischenräume. Es fällt schwer, uns auf das dazwischen zu konzentrieren, denn da ist scheinbar nichts. Vielleicht ist dies ja eine grosse Täuschung?

Stellen wir uns vor, dass das, was zwischen uns ist, das Eigentliche, das Wesentliche ist. Die Luft, der Odem, der Atem. Gehen wir noch einen Schritt weiter und beschreiben den Atem als das wahre Wesen. Dann sind die Dinge, wie wir sie kennen, den Menschen eingeschlossen, nichts als Nebendarsteller auf der immensen Bühne der Erdatmosphäre. Erblickt ein Mensch das Licht der Welt, fährt der Atem gnadenlos in die noch ungeöffneten Bronchien des Säuglings und nimmt das Wesen in seine Obhut. Denn er ist es, der fortan den Lebensrhythmus diktiert. Er füllt die Lunge, lässt das Herz schlagen, und spendet den lebenswichtigen Sauerstoff. Dreiundzwanzigtausendmal atmet ein Mensch pro Tag und bewegt dabei rund zwölfeinhalb Kubikmeter Luft. Im Gegenzug erhält der Atem Kohlenstoffdioxide aus unseren Zellen und transportiert sie zurück in die Atmosphäre. Die Luft lässt Licht und Wärme der Sonne durch, die uns Leben spenden, treibt Wetter und Winde an, die uns Wasser beschaffen. Sie schützt uns vor gefährlichen Strahlen aus dem Universum und steht im Austausch mit allen Lebewesen dieser Welt. Luft und Atmung sind Motor und eigentliches Sein dieser Welt. Jedes Lebewesen atmet. Die Luft dringt mit ihren Gasen in jeden Organismus ein. Der Fisch atmet über die Kiemen, die Pflanzen via Photosynthese über die Stomata. Die Insekten und Spinnen atmen mit röhrenförmigen Einstülpungen ihrer Körperhaut und Schnecken, Säugetiere, Vögel, Amphibien und Reptilien mit den Lungen.

Luft ist nicht Nichts. Luft ist Materie und steht als transparenter Zwischenraum zwischen mir und dir. Du und ich, wir schaffen seine Konturen, wir geben ihm Form und Hülle, er ist es, der uns verbindet. Auch wenn wir weit voneinander getrennt sind, berühren wir uns vermittels des Zwischenraums, der - genauso wie wir Menschen - aus zahlreichen Molekülen und noch mehr Leerraum besteht.
 
Ich atme ein, tief ist der Atem in mir. Ich atme aus, du atmest ein, tief ist der Atem in dir. Was alles von mir ist nun in dir? Wir teilen uns die Luft mit den Menschen um uns und mit allen Wesen, die atmenderweise leben. Der Atem ist ein flüchtiger Gast, spendet Leben und verlässt mich wieder. Nur was atmet, lebt. Atem ist Leben, Leben ist Atem. Wir leben, bis zum letzten Atemzug. Wer atmet, ist beseelt. Was nicht atmet, ist tot. Was aber ist der Tod? Das Ende der Lebenskraft, Materie ohne Dynamik, Stoffliches ohne Seele.
Es erstaunt nicht, dass in vielen Kulturen und Sprachen Atem und Seele identisch sind und in der Wortkombination ‚Atemseele‘ Ausdruck finden. Im Griechischen bedeutet Pneuma ‚Luft‘, Hauch‘‚ ‚Geist‘. Damit erhält der Atem auch eine spirituelle Dimension. So ist ‚Hagion Pneuma‘ die Übersetzung für ‚Heiliger Geist‘. Das antike Konzept des Pneumas kommt den Vorstellungen, die sich in asiatischen Kulturen in Begriffen wie Qi (China) oder Prana (Indien) widerspiegeln, sehr nahe. Der alte deutsche Begriff ‚Odem‘ umfasst dasselbe Spektrum an Bedeutung. Auch das arabische Wort نفس (nafs) wird mit Atem, Seele, Atemhauch, Wesen, Psyche, Selbst und Hauch übersetzt.

Luft überträgt Licht und Schall und Informationen. Ist der Atem das Organ des siebten Sinns?
Ich huste dich an und du wirst krank. Du atmest Luft ein, die in mir war und ich gebe weiter, was in mir ist. Wir wissen vom Groben, von Viren und Bakterien, mit denen wir uns gegenseitig anstecken. Was wissen wir vom Feinen, vom Nicht-Stofflichen? Wie viele Informationen transportieren wir über den Raum zwischen uns? Wir sprechen von Aura, von Vibrations und Intuition, von Gedankenübertragung. Doch wissen wir nichts über die Art dieser Übertragungen, kennen die Identität der natürlichen Informationseinheit nicht.
In der technischen Welt haben wir ein Modell dafür gefunden, zersetzen jegliche Information in Bits und Bytes und schicken diese als Töne, Bilder und Daten über Wellen und Funk durch den leeren Raum. Vielleicht ist es das luftige Wesen in uns, um uns und zwischen uns, welches als Informationsträger in jedem Augenblick die Verbindung zwischen mir und dem Ganzen schafft?

Atem ist Hauch, ist Bewegung, ist Dynamik. Geht mir die Luft aus, schwinden im übertragenen oder nicht übertragenen Sinne meine Kräfte und ich erlahme. Hinzu kommt, dass Atem die physikalische Voraussetzung für Sprache ist: Es braucht Atem, um Töne zu schaffen und Worte zu formen. Denn Atem ist Luft und Luft bewegt Bäume und Blätter genauso wie unsere Stimmbänder. Wird dem Raum die Luft entzogen, entsteht ein Vakuum. Im Vakuum aber ist es totenstill.

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