Strasse der Diebe

von Matthias Énard

Lakhdar ist ein 17-jähriger Marokkaner aus Tanger. Er ist gezwungen, seine Familie zu verlassen, nachdem sein Vater ihn mit seiner Cousine Meryem im Bett entdeckt hat. Lakhdar treibt sich herum, lernt die Armut und das Leben auf der Strasse kennen, bis er von seinem Freund in dessen Gruppe Aufnahme findet. Lakhdar ist gebildet, liest gerne und viel und so kommt es ihm nicht ungelegen, dass er für Bassams Freunde als Buchhändler arbeiten kann. Er lernt die Spanierin Judit kennen, die Arabisch studiert und sich in Marokko aufhält. Die beiden verlieben sich, doch Judit reist zurück. Bald findet Lakhdam heraus, dass Bassam und seine Freunde sich in islamistischen, terroristischen Aktivitäten engagieren. Er flieht und wandert illegal in Spanien ein, mit dem Ziel, Judit in Barcelona aufzusuchen. Als Illegaler bieten ihm nur Randgestalten Gelegenheiten, sich durchzuschlagen. Er lernt ein Europa kennen, fern von Glitzer, Zauber und Gloria. Als er endlich in Barcelona eintrifft, ist er ein Getriebener. Nicht bloss von der Sehnsucht nach Judit, die zunehmend zur Schimäre wird, sondern auch von der Polizei, die ihn wegen Mordes sucht. Er findet Zuflucht in der Strasse der Diebe, dort wo Nutten, Junkies und Kleinkriminelle ein Zuhause finden und die Polizei sie in Ruhe lässt. Ohne Perspektiven verbringt er die Tage in Barcelona, bis plötzlich Bassam auftaucht. Die anfängliche Freude über das Wiedersehen weicht bald dem Verdacht, dass sein Freund auch in Barcelona Schlimmes plant. Lakhdar sieht sich gezwungen, zu handeln.

Ein Roman, der uns privilegierten, wohlstandsverwöhnten EuropäerInnen den Blick auf die Ränder des Kontinents öffnet. Er zeugt uns die Abgründe, wohin unsere Gesellschaft diejenigen entsorgt, die nicht ins wohltemperierte Bild passen und in unserem System keinen Platz finden. Ein Roman über die Perspektivenlosigkeit einer Generation von jungen Menschen, diesseits und jenseits des Mittelmeers.
Lakhdar ist ein Suchender, der zwischen Zeit, Kultur und Religion fällt, ein unbeheimateter, der sich nirgends zugehörig findet. Einer, dem unsere Gesellschaft und unser System die Drecksarbeiten zuweisen: Karteileichen aus dem ersten Weltkrieg digitalisieren oder reale Leichen illegaler Einwanderer an den Stränden zusammenlesen. Ein lesehungriger, junger Erwachsener, der Träume hat, wie wir sie alle kennen: Er wünscht sich, diejenigen lieben zu dürfen, zu denen er sich hingezogen fühlt und sich frei bewegen zu können. Zuviel verlangt? Offensichtlich ja. Lakhdar wird hart bestraft, wer sollte seinen Geschichten vor Gericht Glauben schenken? Obschon er mit seiner mutigen Tat am Ende des Buches Zeugnis von einem starken moralisch-ethischen Bewusstsein ablegt, von dem sich mancher Europäer eine Scheibe abschneiden könnte.

Matthias Énard, Strasse der Diebe, Carl Hanser Verlag München 2013, ISBN 978-3-446-24365-1


 

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