Auschwitz-Birkenau II

Primo Levi, Ist das ein Mensch?

Kürzlich las ich wieder einmal das autobiografische Buch von Primo Levi mit dem Titel „Ist das ein Mensch?“.

Primo Levi verarbeitete darin seine Erfahrungen als Häftling im KZ Auschwitz vom 1944 bis zur Befreiung im April 1945 durch die Russen. Primo Levi richtete sein Buch explizit an die Deutschen, das heisst an die Täter und ihre Nachfahren. Es war für ihn ein bedeutendes Ereignis, als das Buch 1961 erstmals auf Deutsch erschien. Er wollte Zeugnis ablegen von den Gräueln, die ihm und seinen Leidensgenossen widerfahren waren. Damit wurde sein Buch für alle, insbesondere für die Nachgeborenen, zu einem eindrücklichen Testament gegen das Vergessen.

Levi beschrieb ohne jeglichen Pathos und ohne Selbstmitleid den Prozess der Entmenschlichung, dem jeder KZ-Häftling, der nicht gleich in die Gaskammer abgeführt worden war, unterzogen wurde. Das Produkt dieses Prozesses war ein mehr oder weniger gut funktionierendes und gehorchendes Arbeitstier, welches nur noch für seinen eigenen Vorteil, kämpfte. Die Lektion, die jeder, der überleben wollte, zu lernen hatte: wer nicht gnadenlos für sich selbst schaute, starb.

In einer schnörkellosen, aber wohl geformten Sprache zeigte Primo Levi die Mechanismen des Naziterrors auf, den Zynismus und die Grausamkeit, die in Auschwitz herrschten. Sprachlos machen den Leser, die Leserin nicht nur die alles durchdringende Menschenverachtung der Nationalsozialisten, sondern auch die Systematik und Bürokratie des ganzen Vorgangs. Über jedes Werkzeug, das im Lager ausgeliehen wurde, führten sie Buch, genauso wie über die Hunderttausende von Häftlingen selbst. Primo Levi gelang es, auf knapp zweihundert Seiten unzählige Aspekte und Schichten des Systems KZ und seine Verflechtungen mit Wirtschaft und lokaler Bevölkerung in Polen aufzuzeigen.

Für mich vielleicht eine der am meisten berührenden Szene beschrieb er gegen Schluss des Buches. Die Nazis hatten das Lager geräumt, die Russen waren noch nicht da. Zurück geblieben und sich selber überlassen waren in diesem 20 Tage dauernden Vakuum die schwer kranken Häftlinge, welche die Nazis nicht auf die Todesmärsche schicken konnten. Da die Lagerverwaltung nicht mehr existierte, begannen diese sich auf eigene Faust zu organisieren. Die weniger Kranken suchten für die Schwerkranken Nahrung, kochten und sorgten für Heizung, Wasser und Reinigung. Als Primo und sein Kollege Nahrung gefunden und gekocht hatten, schlug einer der Schwerkranken den anderen Schwerkranken vor, denjenigen, die für sie sorgten, von ihrer Essensration etwas abzugeben. Levi beschrieb es als berührendes Schlüsselerlebnis, wie die halb verhungerten, abgestumpften und entmenschlichten Häftlinge mit diesem selbstlosen Ausdruck von Dankbarkeit zu ihrem Mensch-Sein zurück fanden.

 

Primo Levi, Ist das ein Mensch?, dtv, ISBN 978-3-423-11561-2

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